Ehrenhain Lichterfelde

Hans Schleif

Hans Schleif war Architekt und Archäologe, renommierter Wissenschaftler, Professor für antike Baukunst, Familienvater und ranghohes Mitglied der SS. Sein Enkel, Matthias Neukirch, ist Schauspieler am Deutschen Theater in Berlin, und begibt sich auf die Suche nach seinem Großvater.

Hans Schleif
eine Spurensuche
von Matthias Neukirch und Julian Klein
nominiert für den Friedrich-Luft-Preis 2011
Uraufführung und Premiere im Deutschen Theater Berlin am 13. Oktober 2011
Gastspiel-Einladungen u.a. nach Hannover, Oldenburg, Trier, Lüneburg, Braunschweig, Böhlen, Göttingen, Edinburgh, Poznan, Paris, in die Topographie des Terrors Berlin, vom Kulturamt Steglitz in das ehemalige SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt, und zur Biennale Venedig
Schweizer Erstaufführung und Premiere im Schauspielhaus Zürich am 13. November 2015

Publikationen über die Produktion „Hans Schleif“

Radiosendung: Der Fall Hans Schleif
Matthias Neukirch und Julian Klein im Gespräch mit Kolja Mensing
(DeutschlandRadio Kultur, 18. Juni 2013)
Transkript der Sendung

„Hans Schleif“ – Skizzen zu einer Theaterinszenierung
von Julian Klein
in: G. Schmid, P. Sinapius (Hrsg.): Artistic Research in Applied Arts. Berlin, Hamburg 2015, S. 131-147

„Hans Schleif“ – Bericht über die Recherche zu der Theaterproduktion am Deutschen Theater Berlin
in: Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 131. Walter de Gruyter, Berlin 2016 (im Druck)

 

Pressestimmen

„Eine großartige schauspielerische Leistung. Man sollte sie nicht versäumen. Wer dieser nicht gerade bekannte Hans Schleif ist – oder richtiger: war -, wird uns anhand von Dokumenten, Interviews, Bewerbungsunterlagen, Architektur-Zeichnungen ebenso stückchenweise enthüllt, wie sie sein neugieriger Enkel auf seiner Spurensuche nach dem Großvater als Familienarchäologe ausgräbt: Hans Schleif, so stellt sich heraus und wird dem Publikum auf dieser Entdeckungsreise in die Familiengeschichte des Großvaters voller Entdeckerfreude und zugleich mit Entsetzen spannend, lebhaft, dramatisch erzählerisch rekonstruiert. […] Ein Mitläufer? Ein ganz dem Kriegsziel und der Diktatur gewidmetes Akademikerleben? Beihilfe zum Massenmord? So jedenfalls legt es die Aktenlage nahe, die uns der Berichterstatter vorlegt. Die deutsche Niederlage erlebte der Professor nicht als Befreiung und Chance zur Rückkehr an die Universität, sondern als persönliche Niederlage seiner NS-Identität; Ausweg: Selbstmord. Diese Biografie mag als solche nicht außergewöhnlich sein – aber die Rekonstruktion ihrer deutschen Normalität durch die intellektuell kontrollierte Leidenschaft des Vortrags von Matthias Neukirch im Dialog mit einem Publikum, das sich auf diese Reise in die psychische Finsternis des NS-Regimes mit spürbarer Intensität einließ, wird zu einem diesen einen Abend weit transzendierenden Erlebnis aufgewühlten Nachdenkens. Etwa die Hälfte des in der kleinen »Box« um einen Tisch versammelten Publikums sind junge Leute, mit deren Fragen der Diskurs über den historischen Großvater Schleif bruchlos in ein nachdenkliches Gespräch übergeleitet wird – fast alle blieben lange dabei. Sie erlebten hier einen ungewöhnlichen, einen einmaligen Abend, der dem Theater als Ort des gemeinsamen Nachdenkens über Moral und Politik seine historische Funktion und aktuelle Würde zurückgibt.“ Ekkehart Krippendorff

„«Der Nationalsozialismus steigt jetzt zum Range einer Glaubensbewegung auf. Ich glaube weiterhin daran.» Es ist einer dieser vielen Sätze, die reinknallen an diesem Abend [… In] «Hans Schleif» geht es nicht nur um die Biografie des Grossvaters, [… die] Matthias Neukirch zusammen mit dem Regisseur Julian Klein in beeindruckender Archivarbeit recherchiert [hat … -] in einer temporeichen Erzählung [… ist] das Leben seines Grossvaters aufs Engste mit seiner eigenen Biografie verknüpft. […] Es sind solche Knock-out-Momente, in denen man sich in Kafkas «Strafkolonie» wähnt, wo ein unbeteiligter Forschungsreisender sich auf die Foltermaschine legt, damit an ihm – als Schuldlosem – das scheinbar notwendige Urteil vollstreckt wird. Was völlig irr und pathologisch wäre, würde Neukirch nicht mit Lust den absurden Witz aus seiner Erzählung herauskehren, sich mokant von der Nazi-Irrheit absetzen – und dabei tänzelnd und unangreifbar wie ein agiler Boxer zwischen den Seminartischen bewegen, an denen wir Platz genommen haben. Zusammen mit Regisseur Julian Klein, der mit uns sitzt – und so etwas wie der Sparringpartner von Neukirch ist, dessen Erzählung ergänzt und korrigiert. Und zugleich so etwas wie den ruhenden Pol in der atemlosen Erzählung bildet, die der Schauspieler mit Dokumenten beglaubigt, die er aus seinem prall gefüllten Ordner herauslöst und uns zur Ansicht vorlegt.“ Andreas Tobler

„Ein Schauspieler erzählt von der Auseinandersetzung mit seiner familiären Vergangenheit. Matthias Neukirch berichtet von den Schwierigkeiten der Recherche, von Dokumenten, die fehlen, er zeigt und beschreibt Bilder, zitiert Briefe und Beurteilungen. Der Schauspieler unternimmt den waghalsigen Versuch, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verschränken. Er gibt viel von sich preis. Das ist berührend, aber auch unangenehm. Er hat über Hans Schleif herausgefunden, dass sein Denken von einem Hang zu Extremen gekennzeichnet war: ein Entweder-oder-Denken, dem Unsicherheiten fremd waren. Sein Enkel macht da das Gegenteil. Exakt das Gegenteil.“ Ronald Meyer-Arlt

„Der Suchmonolog schwankt zwischen Unerbittlichkeit im Aufdecken von Verbrechen und der Angst, in der Biografie des Opas tatsächlich einer Untat fündig zu werden. Neukirch ist ein Wissenwollender, der seine Zweifel, Hoffnungen und Ängste nicht versteckt. Er gestaltet einen sehr persönlichen Abend, der gleichwohl auf bizarre Art antike Mythen, Holocaust und Wunderwaffen miteinander verknüpft. Selten ist Geschichte so greifbar geworden.“ Tom Mustroph

Neukirchs Recherche, unangestrengt und gerade dadurch schwer beklemmend, ist der packende Versuch, anhand von Familiendokumenten zu ergründen, wie es geht, dass ein kluger Kopf aus tief bürgerlichem Anstands-Milieu zum Verbrecher wird. Und wie sie sich diese Tragödie im ganz Alltäglichen zusammenzieht. Etwas Furchtbares, lapidar aufgeblättert. Reinhard Wengierek

Michelangelo Antonionis Film „Blow Up“ erzählt von einem Fotografen, der im Hintergrund der Bilder, die er in einem öffentlichen Park aufgenommen hat, eine Leiche und eine Figur mit Pistole erkennt. Um die Details genauer sehen oder die Tat rekonstruieren zu können, vergrößert er die Abzüge, so sehr, bis sich jeder Sinnzusammenhang im Korn der Fotos verliert, von möglichen Mordindizien nur Farbflecke bleiben. […] der Skandal ist, dass der Übergang von „nahe“ und „zu nahe“ letztlich nicht definiert werden kann. Und genau dort lauert das Grauen. Schon seit Oktober 2011 zeigt das Deutsche Theater in Berlin einen großartigen, unabhängig vom Haus produzierten Soloabend, der nun für den Friedrich-Luft-Preis nominiert worden ist. […] Was das mit „Blow Up“ zu tun hat? Tatsächlich ist eine der nachdrücklichen Leistungen dieser Arbeit, sich bei aller Schonungslosigkeit der (Selbst-)Befragung konsequent in jener Dämmerzone zu halten, in der noch die eindeutigsten Dokumente, Mitschriften und Zeugnisse – und von denen gibt es viele an diesem Abend! – ihre Eindeutigkeit verlieren, ohne dass damit jemals ein Entlastungsdiskurs (oder sein Komplement: der abschließende Schuldspruch) bedient würde. In gewisser Weise ist „Hans Schleif“ darum ein Prozess im doppelten Sinn des Wortes. Und obwohl dabei eine prägnante Nahaufnahme der Karrierelandschaft des Dritten Reiches entsteht („Posten her, Posten her, wenn’s / sein muss von der Konkurrenz“, reimte Brecht einst darüber), entlässt der Abend einen doch zugleich ratlos, in gewisser Weise ärmer. Der Preis ist ihm dringend zu wünschen. Sebastian Kirsch, Theater der Zeit

[…] With enormous skill, the actor recites documentary judgments regarding his grandfather at various intervals during the course of the evening. In addition to providing insight into such official records in this manner, he shares intimate content found in letters between Schleif and other members of his own family. Before this can lead to sympathy for his grandfather, Neukirch culminates with research findings concerning the final years in which Schleif no longer pursues initial career goals but rather dedicates himself to architectural planning for the ‚Endsieg‘.
Neukirch cannot possibly relay all of the information contained in the stacks of documentation he and Klein have accumulated within these few hours of theatre. It is so impressive to experience the selection and an ability to convey essential information, that the audience welcomes a discussion following the performance and actively participates with inquiries and observations that are equally fascinating. No surprise when half of the audience admits to having ancestors who could not be considered innocent.
Genealogists and historians continue to uncover deeds in dark times. Descendants of Neukirch won’t be left with the task in regard to Schleif. No special effects were necessary: a few tables and chairs, binders with copies of authentic documents, a photo, a candle and the imagination of the audience were sufficient. Though it wouldn’t be easy, it would certainly be valuable to translate the work into English as far as possible and have it performed internationally more often and sooner than later.
In an act of self-sacrifice, Neukirch offers the audience an inside view of his personal struggle to come to terms with the perpetrations of an ancestor who as a grandfather would normally have served as a role model. Multi-level loss permeates the tone of the evening. In his reconstruction of an elusive personality Neukirch simultaneously deconstructs any emerging empathy for the subject. Puzzle pieces amid broken glass. Joanne Leitner

Publikumsstimmen

Die sich nicht aufs politisch-historisch Thesenhafte festlegende Neugewinnung von Erinnerung durch einen Angehörigen der ‚dritten‘ Generation, die katalysatorische Funktion von Erinnerung für die Reflexion der eigenen Lebensdramen: Für mich ist das etwas ganz Neues, das jenseits der erinnerungspolitischen, musealen und archivalischen Erstarrung der NS-Erinnerung nach dem fast abgeschlossenen Verschwinden der Zeitzeugengeneration einen eigenen Weg öffnet.
Prof. Dr. Jörg Kammler
Historiker, Sohn des SS-Brigadeführers Hans Kammler

Eine meiner Lieblingstheaterabende der letzten Jahre. […] Eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Fragen nach unserer gemeinsamen und auch individuellen Geschichte. Am tollsten ist es, wenn das Publikum anfängt, mitzupuzzeln, und einem plötzlich die Geschichte oder auch die Rätsel der anderen Zuschauer bewusst werden.
Claudia Wiedemer
Jury-Mitglied Friedrich Luft-Preis, in zitty

Ganz beglückt zog ich von dannen nach diesem künstlerisch so starkem Abend. Alle Sinne […], auch die Emotionen und der Intellekt waren freudvoll dabei, kurz: ich habe mich wunderbar […] gefühlt.
Helga Reuter-Kumpmann
Ausstellungs- und Museumsberaterin

Der gestrige Theaterabend mit Matthias Neukirch hat mich tief beeindruckt. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte seiner Familie hat er eindrucksvoll umgesetzt in einen Theaterabend, den ich nicht so schnell vergessen werde, und der mich zum Nachdenken über meine Eltern und Großeltern wieder einmal gebracht hat. Nicht zuletzt durch die Gespräche mit meinen Tischnachbarn und Herrn Hufschmidt, der zufällig in meiner Nähe saß, wurde ich an einiges erinnert. Herr Neukirch sollte diesen Abend unbedingt hier wiederholen.
Moiken Wolf
auf schauspielhannover.de

besonders schön an diesem halbperformativen format fand ich auch eure beziehung, dieses nachfragen, das das ganze im raum sehr gut verankert hat. die dramaturgie war auch sehr schön, und ich hatte das gefühl, dass die turning points wirklich gut geführt waren (dabei kamen sie so beläufig, als wäre es zufall). ebenso der umgang mit spiel/nichtspiel. dass der stoff wahnsinn ist, ist ja klar.
Andreas Liebmann
Autor, Performer, Regisseur

Dieses Stück sollten alle Berliner gesehen haben! Ihr werdet es nicht bereuen. Für mich eine der emotionalsten und besten Theatererfahrungen der letzten Jahre. Hingehen!
Arno Lücker
Dramaturg, u.a. Konzerthaus Berlin